Die Menschen im Kanton Bern neigen zur Gemütlichkeit. Und zur Ordnung. Und zur großen Unaufgeregtheit. Die Aare, ein etwa 30 Millionen Jahre alter Fluß, mag die Lebensader der Stadt sein. Vor allem aber ist sie die treibende Kraft des kreativen Geistes.

Ich treibe in der Aare, an einem jener Sommertage, die Bern für einen Moment vergessen lässt, dass es eine Stadt der Ordnung ist, nicht des Wassers. Rechts und links zieht die Natur vorüber, gleichgültig, wie es die Natur zu tun pflegt, wenn der Mensch sich einbildet, sie betrachte ihn. Doch die Idylle trägt ihre eigene Herausforderung in sich: der Zeitpunkt, kurz vor der Innenstadt, an dem ich aussteigen muss. Sonst nimmt mich der Fluss, ich vermute, in aller Ewigkeit mit. Wenn sich das Staatliche der Schweiz, das Bundeshaus über den Bäumen zeigt, sollte das Treibenlassen sein Ende finden.

Auf Einladung habe ich mich also ins Wasser gestürzt. Wohl wissend, dass dies die beste Therapie gegen Stress darstellt, vor allem, wenn einem nur wenige Tage zu Regenration bereit stehen. Doch warum die Schweiz? Nun, die Schweiz bietet durch ihre Kombination aus intakter Natur, sauberer Bergluft und hervorragender Infrastruktur den idealen Rahmen, um mental und körperlich herunterzufahren. Und Bern? Die Stadt bietet eine unaufgeregte Gemütlichkeit. Auch deshalb wird den Bernern nachgesagt, das Leben spürbar langsamer anzugehen. 

Auch Einstein war ein Berner

Und auch deshalb waren die Jahre von 1902 bis 1909 dort für Albert Einstein die Produktivsten für ihn und die weltbewegendsten für alle außerhalb Berns. In seiner kleine Wohnung in der Berner Kramgasse 49, lebte er mit seiner Frau und später mit dem Sohn. Ein idealer Standort: Denn das Eidgenössischen Amt für geistiges Eigentum, wo er als „technischer Experte 3. Klasse“ eingestellt war, befand sich seinerzeit nur etwa 700 Meter entfernt. Der Weg zum Bundeshaus, welches wir von der Aare und dem danebenliegenden „kostenlosen“ Freibad aus sehen konnten, betrug nur 500 Meter.

Diese relativen Entfernungen mögen es Einstein die relative Freizeit ermöglicht haben, vier seiner bahnbrechende Aufsätze zu verfassen. Seine Doktorarbeit über die Größe von Molekülen, seine Erklärung des lichtelektrischen Effekts (dafür erhielt er später den Nobelpreis), seine theoretische Begründung der Molekularbewegung und natürlich seine Spezielle Relativitätstheorie samt der berühmten Formel E=mc2.

Die Zeitglocke

Man möge vermuten, dass der Takt der Eingebungen Einsteins die Zytglogge gegeben zu haben scheint, ein aus dem Mittelalter stammender Uhrturm mit astronomischer Uhr und Glockenspiel und ebenfalls nur wenige Schritte vom Eingang der Familie Einstein entfernt. Mit dem Uhrwerk von Kaspar Brunner wurde, so erzählt es uns der freundliche Stadtführer, erst mit dem Glockenschlag und irgendwann später per anderer Signale auch entferntere Uhren in Bern synchronisiert. So auch die Uhr im Patentamt.

Für Einstein, der auch Patente rund um elektrische Synchronisationssysteme prüfen musste, stellte sich – so vermutet es der Autor – bestimmt auch die Frage, wie man entfernte Uhren mittels Signale synchronisiert, die selbst eine endliche Ausbreitungsgeschwindigkeit haben? Wer die Speziellen Relativitätstheorie von 1905 kennt, weiß, dass dies der eigentliche Kern seiner Arbeit war. Die Frage also nach der Relativität der Gleichzeitigkeit (dass zwei Ereignisse, die für einen Beobachter gleichzeitig erscheinen, für einen bewegten Beobachter nicht gleichzeitig sein müssen) hat ihren Ursprung genau in diesem technischen Problem der Uhrensynchronisation per Lichtsignal.

Vom Schweizer Hof ins smaragdgrüne Wasser

Das Läuten der Glocke nimmt mich aus dem Tagtraum, ob einst auch wie ich jetzt jene Großmeister der Frühzeit der Physik, der Astronomie oder der Mathematik respektvoll das Uhrwerk betrachtet haben. Mir fällt nun nur ein: zurück zum Schweizer Hof, unserer exquisite Unterkunft im Zentrum von Bern und Gastgeber für drei Tage. Schnell aufs Zimmer, Badesachen in den schicken, stylisch aussehenden Drybag gestopft. Mit diesem wasserdichten Trockenrucksack, den das Hotel für seine Gäste bereitstellt, geht es dann mit der Linie 9, Richtung Wabern.

Wer den Ausstieg an der Haltestelle Eichholz vergisst, muss einen Teil der Strecke wieder zurückgehen – bis zur kleinen Seitenstrasse runter zum Fluß. Dort findet sich derTreffpunk der Aare-Treibenden gleich neben dem Campingplatz. Umgezogen wird direkt an der Wiese, noch ein Bild für die Erinnerung und hinein ins kalte Wasser. So treiben wir etwa eine halbe Stunde an  – je nachdem, ob man sich eher am Rand oder aber in der stärkeren Strömung in der Mitte des Flusses aufhält. Das Wesentliche liegt nun klar zutage – und kann in der Bildergalerie nachempfunden werden.

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