Der Architekt der Selbstdisziplin

Judo als Kompass für die Generation „TikTok“. So lassen sich die rund 400 Seiten der akademischen Analyse Leben und Werk Kanō Jigorōs (1860–1938) von Andreas Niehaus auch zusammenfassen. Kanos Erkenntnisse sind ein pädagogisches Manifest für die heutige Zeit.

In einer Ära, in der die Aufmerksamkeitsspanne der Jugend durch 15-sekündige Videoclips auf die Größe eines Sandkorns schrumpft, wirkt das Leben und Wirken des Japaners Jigorō Kanō wie ein Anker in stürmischer See. Auch wenn Kanō primär in der Meiji-Zeit lebte, geboren 1860, so gelten seine Ansichten zur Erziehung und Ausbildung junger Menschen noch heute als bemerkenswert modern.

Denn auch während des Übergangs vom feudalen Japan zur Moderne verlor die Jugend ihre Orientierung im Leben. So ist es ein weit verbreiteter Irrtum zu glauben, die Jugend früherer Epochen sei von Natur aus disziplinierter gewesen. Nachzulesen sind diese Erkenntnisse in der Neuauflage „jkjsdjds“ von Andreas Niehaus. Ihm ist es gelungen, das Leben des Judo-Gründers jenseits der bloßen Kampfkunst-Techniken zu beleuchten und ihn als das darzustellen, was er primär war: ein visionärer Pädagoge.

Historische Parallelen: Die „verlorene“ Jugend damals und heute

Niehaus arbeitet heraus, dass Kano während seiner Zeit im japanischen Bildungsministerium (Mombusho) vor ganz ähnlichen Problemen stand wie heutige Lehrkräfte an Mittelschulen. Nach der Meiji-Restauration befand sich die japanische Jugend in einem Vakuum. Die alten Werte der Samurai waren weggebrochen, und eine gewisse Orientierungslosigkeit machte sich breit. Kano kritisierte schon damals eine einseitige intellektuelle Bildung, die den Körper vernachlässigte – eine „Verweichlichung“, wie er es nannte.

Heute sehen wir uns mit einer modernen Form dieser Verweichlichung konfrontiert:

  • Social Media als Dopamin-Falle: Während Kanos Schüler durch mangelnde Struktur abgelenkt waren, sind heutige Jugendliche im Dauerfeuer von Algorithmen gefangen.
  • Körperliche Passivität: Der exzessive Medienkonsum führt zu einer körperlichen Trägheit, die Kano als Bedrohung für die Volksgesundheit und die geistige Schärfe sah.

Judo als Therapie bei ADHS

Besonders für SchülerInnen mit ADHS bietet Niehaus’ Analyse von Kanos Prinzipien eine faszinierende Perspektive. Das Prinzip Seiryoku Zenyo (Der wirksamste Einsatz von Geist und Körper) ist quasi eine Blaupause für das Selbstmanagement bei ADHS. An einer Mittelschule, wo Schüler oft mit mangelndem Selbstwertgefühl und Impulskontrolle kämpfen, setzt Kanos Philosophie genau dort an, wo die medikamentöse Therapie aufhört.

Niehaus beschreibt Judo nicht als Sport des Siegens, sondern als System zur „Vervollkommnung des Selbst“. Für einen Jugendlichen, dessen Gedanken ständig springen, bietet das Dojo (der Übungsraum) einen reizarmen Raum der Struktur. Die ritualisierten Abläufe und die notwendige körperliche Präsenz im Randori (Übungskampf) zwingen das Gehirn zur Hyperfokussierung – ein Zustand, den viele ADHS-Betroffene im Alltag schmerzlich vermissen.

Kampf gegen die „Faulheit“

Auch der Begriff „Faulheit“ wird bei Niehaus differenziert betrachtet. Er zeigt auf, dass Kano Sport nicht als Selbstzweck sah, sondern als Mittel, um Jita Kyoei (Gegenseitiges Wohlergehen) zu erreichen. In der heutigen Zeit, in der sich Jugendliche oft hinter Profilen in sozialen Netzwerken isolieren, fordert das Judo die direkte, körperliche Konfrontation und Kooperation. Man kann nicht „faul“ sein, wenn man die Verantwortung für die Sicherheit des Partners trägt.

Judo als pädagogisch wertvoller Schulsport

Andreas Niehaus’ Buch sollte trotz der umfangreichen, oftmals akademischen Analyse eine Pflichtlektüre für Schulen sein, die sich noch unschlüssig ob einer Judo-AG sind. Es liefert die theoretische Basis, um den SchülerInnen zu erklären, warum sie auf der Matte stehen: nicht um zu kämpfen, sondern um zu lernen, wie man im Leben nicht umfällt – oder wie man nach einem Fall (Ukemi) wieder aufsteht.

Das Werk verdeutlicht, dass die Disziplin, die wir heute oft als „altmodisch“ abtun, für einen jungen Menschen mit ADHS die Freiheit bedeuten kann, sein eigenes Leben zu steuern, anstatt sich von Algorithmen steuern zu lassen.

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